09.02.2013

Sudan3 04.02.2013

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Kollateralschäden
Auch ich werde nicht von Schäden und Ausfällen verschont. Meine Kamera hat den Sandsturm nicht überlebt. Bis Khartoum hat sie noch ächzend ihren Dienst verrichtet, dann sie ihn quittiert. Ich bin deswegen richtig angefressen. Ich versuche, mir in Gonder eine neue zu beschaffen. Dann, am 2. Offroadtag, bin ich mit dem Fahrrad in einer tiefen Fahrrinne ausgerutscht und auf die Seite gefallen. Dabei habe ich mir den Unterarm und den Unterschenkel aufgeschürft. Zum Glück war unsere Nurse, Nixe, in der Nähe und hat mich verarztet. Am gleichen Tag nachmittags, hatte ich dann meine erste Reifenpanne unterwegs bei 48°C. Auch meine mentale Bereifung war so weit abgenutzt, dass ich den kaputten Reifen nochmals aufgezogen habe.

Sands and corrugation
Sands and corrugation ist die Antwort auf meine Frage, was uns in den 3 Tagen abseits der Piste erwartet. Ich soll schnell erfahren, was corrugation ist: eine Waschbrettpiste quer über die Straße mit Rillen in allerengstem Abstand. Die Erschütterungen hauen mich dermaßen zusammen, dass ich mir über die Konsistenz meines Körpers nicht mehr sicher bin. In meiner Lenkertasche bewahre ich Magnesium- und Vitaminpillen in Röhrchen auf. Nach zwei Tagen kann ich sie in pulverisierter Form zu mir nehmen. Gibt es keine Waschbrettpiste, sind es gemeine, mit Sand oder Splitt gefüllte Fahrrillen, die mir das Radlerleben vergrätzen.
Eine solche Stelle führt auch zu meinem Sturz. Ich komme nicht schnell genug aus der Pedale heraus und schlage voll auf die Seite. Seitdem fahre ich solche Pisten ohne Klickverschluss. Inzwischen sind Verband und Pflaster wieder ab und die Wunde verheilt gut. Auch zahlreichen anderen ergeht es ähnlich. Weil wir langsam unterwegs sind, passiert nichts Schlimmes. Gibt es einmal weder Längs- noch Querrillen, sende ich ein Stoßgebet gen Himmel. Doch bevor es beendet ist, setzt die Rüttelei schon wieder ein.

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Wieviel Frauen darf ein Mann haben?
Die Rüttelpiste führt mich vor den ersten Kral meines Lebens. Fasziniert bleibe ich stehen. Der Herr des Hauses tritt heraus, neben ihm seine Frau. Daneben ein junges Mädchen von vielleicht 17 Jahren, das jedoch nicht seine Tochter ist, sondern seine Zweitfrau, denn sie hat ein Baby auf dem Arm. Mann und Frau begrüßen uns; die Zweitfrau hält sich dezent zurück. Hubert fragt immer sehr höflich, ob er ein ‚picture taken‘ kann und zeigt es dann den Betroffenen auf seinem I-Phone.
Am 2. Tag kommen wir an einem besonders schönen sudanesischen Dorf vorbei. Wir lassen die Fahrräder stehen und gehen die letzten 100 m zu Fuß. Hier wird kein Wellblech verwendet und es liegt nicht so viel Müll herum, stattdessen kunstvoll geflochtene Holzzäune als Stadtmauer und um die Häuser herum. Die wenigen Kinder laufen weg vor uns. Haben die hier vielleicht noch nie den weißen Mann gesehen? Als der Häuptling auftaucht, kommen auch andere aus ihren Häusern heraus. Shake-Hands und emsiges Palaver lockern die Stimmung. Stolz verweist der Häuptling auf seine Kamele und die inzwischen zahlreiche Kinderschar. Seine Frauen enthält er uns vor, bis auf eine.
Aus diesem Grunde bin ich auch nicht in der Lage, die oben gestellte Frage zu beantworten. Aber darüber grübeln darf man doch mal, odrr?

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*****-Sterne für Exotik und Schwierigkeit
…gibt der Reiseveranstalter diesem 2. Abschnitt (nach meiner Erinnerung). Das Reisen ist jetzt entschleunigt. Ich brause nicht mehr mit 30km/h dahin und hebe den Arm zum kurzen Gruß, sondern fahre sehr sehr langsam. Der Weg führt jetzt oft mitten durch ein sudanesisches Dorf. Halte ich an, um einen Schluck aus der Pulle zu nehmen, winken die Menschen freundlich zu oder kommen zu mir heran, aber alles sehr dezent und unaufdringlich. Die Männer verrichten ihre Arbeit meist in einem weißen Gewand, die Frauen in einem schwarzen. Obendrein sind letztere noch verschleiert, selten jedoch mit der Burka.
Außerhalb der Dörfer geht der Weg durch Hirsefelder auf denen meist die Frauen arbeiten und die Hirsekolben abschneiden. Die Stängel (so ähnlich wie Mais), schneiden sie ebenfalls ab, türmen sie hoch auf auf ihren Kopf und tragen sie anmutig nach Hause.
Ich bin fasziniert von der neuen Qualität der Reise und sie lässt mich auch die Anstrengung und die Hitze besser ertragen. 85, 100, und 85 km sind die Etappen etwa lang und ich erreiche das Ziel ziemlich erschöpft. Am Ende wartet meist ein ‚Donkeyshower‘ auf uns. Da hat der Esel in einer Art Jauchewagen Wasser herangeschleppt und für ein paar Cent kann man zusammengekauert unter dem Wasserhahn ein Kurzbad nehmen. Immerhin schon ein Fortschritt zu unseren Desertcamps.
Wir haben die Wüste verlassen und fahren durch Kulturland. Das Thermometer zeigt jetzt 45°-48°C an. Am 3. Tag gibt es etliche Hitzeopfer. Eine Plane wird aufgespannt, die Betroffenen werden geführt, auf Liegen gelegt, die Beine hochgelagert und mit Kompressen wird die Stirn gekühlt.

EFI’s Unschuld
Die EFI- Medaille ist die höchste Weihe, die man auf der Tour d’Afrique erreichen kann. Es steht für ‚every fabulous inch‘ und da auch der größte Euphemist nicht daran glaubt, dass jeder inch großartig ist, steht das f auch für ‚every fu…ing inch‘. Wie auch immer: man muss jeden Meter selbst zurücklegen, ohne in den Besenwagen einzusteigen, wie Ludger sagt.
Eine größere Anzahl an Aussteigern gibt es unter den Übergewichtigen. Für sie ist es besonders schwer, das Fahrrad auf den Offroad-Pisten in der Balance zu halten. Diderik, ein sehr netter Holländer, verliert seine Unschuld als er sich verfährt und stundenlang in die falsche Richtung unterwegs ist. Erst sehr spät kann er sich melden und von der Tourleitung aus einem sudanesischen Kaff abgeholt werden.
Eine größere Anzahl an Aussteigern fordert die letzte und 8.Etappe hintereinander, die vom Bush-Camp nach Gonder führt und 107 km lang ist mit über 2500 Höhenmetern und Steigungen von 5 bis 12 Prozent. Dazu kommen Kinder, die wieder kecker sind als im Sudan. Die meisten sind freundlich und winken nur. Einer hingegen trifft mein Vorderrad bei voller Fahrt mit einem Stein.
Den Kiwi Phil erwischt ein Stein – wie schon in Ägypten – am Hals. Wütend kehrt er um und verfolgt den Steinewerfer mit dem Fahrrad. Der Flegel rettet sich mit einem Sprung ins Feld und verliert dabei seine Schulhefte. Phil sammelt sie auf und übergibt sie einem Erwachsenen am Straßenrand. Bridget macht Bekanntschaft mit einem Stock, den ihr ein Unhold zwischen die Speichen steckt. Sie kommt nicht aus ihrer Pedale und verletzt sich stark am Knöchel. Die Straße ist also wieder unsicherer geworden.

Um auf EFI’s Unschuld zurückzukommen, so habe ich die meine noch und ich habe die Absicht, sie noch lange zu verteidigen.
Aber das kann sich sehr schnell ändern, denn jetzt treten auch die ersten starken Magenverstimmungen auf und plötzlich kommt man morgens nicht mehr aufs Fahrrad.

Die Unschuld zu verteidigen ist schon eine große Motivation. Ist sie nämlich einmal verloren, wie bei Hubert, Susanne oder Sybille, so ist die Versuchung groß, am Mittag, wenn die Hitze am größten ist, in den Lunchtruck einzusteigen. Bei mir sind Physis und Psyche noch in guter Verfassung und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.

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3 Antworten zu 09.02.2013

  1. Luddi schreibt:

    Lieber Kurt,
    dein neuester Bericht aus dem Sudan und der Fahrt nach Gondar hört sich richtig gut an.
    Entscheidend war, dass du diese schwere Woche gesundheitlich, physisch und mental so gut überstanden hast. Das war jetzt ein ganz wichtiger Schritt zur Verteidigung deiner „Unschuld“. Bravo! Ganz dickes Lob! Du wirst noch viele und vielleicht auch noch schwierigere Strecken vor dir haben – aber du hast es geschafft, in der letzten Woche den inneren Schweinehund zu überwinden gegen die süßen Verlockungen des Besenwagens. Das war eine wesentliche Voraussetzung für die Psyche, um die noch weite vor dir liegende Strecke bis Kapstadt und den letzten fu… inch auf dem Rad zu meistern.
    Mach weiter so!
    Wir sind stolz auf dich!
    In Gedanken und mit Google Earth bleiben wir dir auf den Fersen – pardon – Pedalen.
    Ludger und Sylvia

  2. horsti1000 schreibt:

    Hallo Kurt,

    wir freuen uns, dass Du Dich noch nicht „pulverisiert“ hast und alle Strapazen und Herausforderungen so cool bewältigst sowie Deine „Efi-Jungfräulichkeit“ verteidigst. Es hört sich alles recht gut an bei Dir und wir wünschen Dir von Herzen, dass es weiter so gut für Dich läuft. Hoffen sehr, dass es Dir gelingt, eine neue Kamera zu beschaffen, denn der Blog lebt natürlich auch von Deinen eindrucksvollen Bildern.

    Wir „ genießen“ das verlängerte Karnevalswochenende – aber nur unter dem Aspekt der zusätzlichen Freizeit – die wir teilweise im Harz im Schnee verbringen.

    Weiterhin Hals und Beinbruch

    Lore und Reinhard

  3. Dennis K. schreibt:

    So die erste Hürde hast Du sehr würdevoll hinter Dir gelassen – sei stolz drauf. Achte jetzt auf Deine Hygiene und die Ernährung. Genieße ein paar Avocado-Mango-Säfte in Gonder und Bahir Dar – es werden die besten Deines Lebens sein. Die Etappe nach Yabello (vorletzte in Äthiopien) ist grausam und dann natürlich die Lavawüste in Nordkenia.

    Alle, die begeistert auf der Karte und im Blog mitfiebern. Für die wirklich Interessierten lohnt sich das soeben erschienene Buch von Hardy Grüne: ein authentischer, deutschsprachiger Bericht einer Reise, die süchtig macht:
    http://www.amazon.de/Tour-dAfrique-Kilometer-Radrennen-Kapstadt/dp/3768853454

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