13.02.2013 Ergänzung

13.02.2013

Freudiges Äthiopien

Die Ausreise aus dem Sudan ist vergleichsweise unspektakulär und die Einreise nach Äthiopien übersehe ich geflissentlich. Ich hebe ein über die Straße gespanntes Band hoch und will einfach hindurch schlüpfen. Doch das Gegröle meiner Mitstreiter zeigt mir, dass ich das Zollhäuschen rechts übersehen habe. Ich ordne mich ein, gebe den Pass ab und warte etwa eine halbe Stunde, bis alles in ein riesiges, abgegriffenes Logbuch eingetragen ist und schlüpfe -nun legitimiert- unter dem Absperrband durch.

photo1aSusanne, Hubert und ich steuern eine Kneipe an und ich bestelle ein Bier. Es sind nur noch wenige km bis zum Camp. Wie habe ich das nur 17 Tage lang ohne ausgehalten?

Die uns umgebenden Damen verfügen über tief-blicken-lassende Dekolletes und kichern sich einen zurecht. An der Hauswand steht Karaoke-Bar. Doch der welterfahrene Hubert meint, dies hier sei ein getarnter Pu… und das sei immer so in Grenzstädten. Die Reeperbahn erfahrene Susanne (sie kommt aus Hamburg) kann den Sachverhalt auch nicht klären und so machen wir uns auf die letzten Kilometer.

Öfter mal was Anderes
Jetzt rollt man von einem afrikanischen Land in das nächste, und schon ist alles anders. Nicht nur die Damen aus der Karaoke-Bar geben sich freizügig. Im Prinzip ist diesbezüglich kein Unterschied zum sommerlichen Erscheinungsbild unserer Damen auszumachen. Allerdings tragen viele Frauen ein Kreuz um den Hals, manche -die Ärmeren- haben es sich auf die Stirn tätowiert. Nur wenige Frauen tragen ein Kopftuch, obwohl der muslimische Anteil bei 50% liegen soll.
Dass die Straße für uns Radler wieder unsicherer geworden ist, habe ich schon beschrieben. Die kecken Knaben am Straßenrand sind da nur pars pro toto für sehr stolze, selbstbewusste und fordernde Äthiopier.

Fehlerhafte Ausbildung der Englischlehrer?
Money, money; what’s your name? Und Where you go?‘ wollen sie von uns haben oder wissen. Da letzterer Ausdruck flächendeckend falsch gebraucht wird, glaube ich an einen Systemfehler und gehe dem nach. Ich lasse mir von einem Kurzen, der gerade mit seinen Kumpels aus der Schule kommt, sein Englischbuch zeigen, schaue genau nach, kann aber keinen Grammatikverstoß feststellen. Die Kurzen haben sich jedenfalls amüsiert. Ist bei mir nun von einer systemisch-beruflich bedingten Deformation auszugehen? Wenn ja, dann habe ich die Hoffnung, dass sie im Laufe meiner Pensionierung nachlässt.

Psycho-soziologisches Kauderwelsch
Schwesterherz Sabine mutmaßt in ihrem Kommentar, dass bei mir schon eine gewisse Gewöhnung eingesetzt habe und hofft, um die Spannung aufrechtzuerhalten, dass die Mitradler interessant genug seien, um in die Bresche zu springen. Das kann man wohl sagen. Für eine Typisierung der Mitradler ist es noch zu früh, außerdem hätte sie dann den Umfang einer Hauptseminararbeit. Gähn. Hier nur einige Beobachtungen und Einzelschicksale: Eigentlich habe ich mich schon ganz gut reingehört in das anglophone Kauderwelsch. Doch bei den Witzen eines Wayne Gaudet kann ich nicht mit lachen und bei Jan Thygesen, einem Kanadier dänischer Herkunft, habe ich immer Angst, dass er seine Zunge verschluckt. Unterhalte ich mich während der Fahrt mit einem Anglo, so bin ich später davon mehr erschöpft als vom Radeln. Also halte ich mich mehr an die Deutschsprachigen. Immerhin sind auch drei Schweizer dabei und die vier netten jungen Holländer schnacken auch gut deutsch. Mit der Belgierin Caroline rede ich französisch, sowie mit einer Handvoll Kanadier aus Québec. Deren Slang ist aber auch gewöhnungsbedürftig für mich.

Einzelschicksale
Sandy
saß schon beim ersten Frühstück in Kairo neben mir. Ich staune nicht schlecht, dass ’so eine‘ bei der TdA mitfährt. Und das schon zum zweiten Mal. Ich traue mich nicht, sie nach ihrem Alter zu fragen, aber ich denke, dass sie älter ist als ich. Rein figürlich würde ich sie eher auf dem Weserradweg erwarten als in der nubischen Wüste. Sie ist geschminkt und ihr graues Haar ist feingescheitelt. Als sie dann das Fahrrad mit schwarzen Samtpumps besteigt, ist es vorbei mit meiner Fassung. Mit der Fahrt arrangiert sie sich irgendwie und begnügt sich mit Teiletappen. Aber richtig glücklich und zufrieden habe ich sie nie gesehen. Jetzt habe ich erfahren, dass sie in Gonder ausgestiegen ist und nach Kanada zurückfliegt, da ihr Mann zu Hause von der Leiter gefallen ist.

Michael aus England ist ein radelndes Beispiel für englische Härte. Er bekommt schnell Probleme mit seinem Knie. Er schleppt sich irgendwie in jedes Etappenziel und humpelt dann herzerbarmend durchs Camp. Nachfragen zu seinem Knie winkt er unwirsch beiseite. Ich denke für mich: Wenn die Engländer alle aus diesem Holz geschnitzt sind, ist es kein Wunder, dass sie den Krieg gewonnen haben. Unsere Nurse Nixe hat ihn dann doch ins Krankenhaus gebracht, wo sie ihn gleich dabehalten haben. Er soll in 1 Woche in Addis Abeba wieder zu uns stoßen. Gute Besserung.

Ich könnte noch manches erzählen, aber mein Computer sagt mir, dass er sich gleich verabschiedet. Also mache ich das gleiche.

Tschüss Euer Kurt

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11 Antworten zu 13.02.2013 Ergänzung

  1. Marc Wederhake schreibt:

    Huhu Nachbar…

    Alles gute zum Ehrentag wünsch ich dir… Auf das die weiteren Abenteuer genau so schön werden… Wie die zurückliegenden…!!! Heute berichtet wieder die Beverunger Rundschau über dich… deine Bekanntheit wächst folglich stätig… Demnächst ist nicht mehr einfach nur mal eben kurz Brötchen holen…
    Kurt ich wünsch dir weiterhin viel Spaß u Durchhaltevermögen…

    Herzliche Grüße auch von Schwester u mudda… Die beiden Schick ich nächstes Jahr auch erstmal auf diese tour…

    Bis bald

    Marc

  2. sabine vieres schreibt:

    Hallo liebes Geburtstagskind,
    ja, du fehlst uns bei deiner Geburtstagsfeier!! Wir haben Waffeln gegessen, Kaffee getrunken, mit Sekt auf dich angestoßen und gequatscht. Nur gesungen haben wir nicht, das holen wir nach. Wir?? Das sind die üblichen Verdächtigen aus der Hornstraße.
    Herzlichen Glückwunsch
    Mutti, Lina, Stefan, Peter, Nicola, Ali, Gisela und Sabine

  3. juliandheri schreibt:

    Hallo Kurt!
    Zu deinem Geburtstag erst einmal alles Gute von Juli und Heri. Sicher ist es einer der ereignisreichsten Geburtstage, die du bisher gefeiert hast. Wir hoffen natürlich, dass du immer noch „unschuldig“ bist, obwohl wir jetzt fünf Tage nichts mehr von dir gehört haben und wünschen dir, dass heute abend wenigstens ein kleines Feiertagsbierchen vorbereitet ist!!
    Wir sind immer wieder neugierig auf deine Berichte und Bilder und freuen uns über jede neue Anekdote, von der du berichtest. Weiterhin starke Beine, gutes Sitzfleisch und toi, toi, toi
    Juli und Heri

  4. Luddi schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Kurt!
    Wir freuen uns mit dir, dass du in deinem „hohen“ Alter diese tollen Leistungen auf dem Fahrrad allem Anschein nach gut überstanden hast.
    Deshalb wünschen wir dir auf den folgenden „fu… inches“ guten Erfolg, heile Knochen und auf keinen Fall Montezumas Rache!
    Gestern haben wir schon ausgiebig mit Retsina und Ouzo beim Griechen deinen Geburtstag vorgefeiert.
    Wir hoffen, dass im Laufe der Zeit sich bloß keine Magen- und Darmviren ausbreiten und vor allem auch kein nerviger Virus „Lagerkoller“!
    Wenn eure Truppe das alles gut übersteht, wird das bis zum Schluss ein ganz tolles Rennen.
    Also weiterhin dir alles Gute und einen kräftigen Schluck heute Abend mit Hubert und ein paar Leuten mehr!
    Ludger und Sylvia

  5. Heinz Zalkau schreibt:

    Lieber Kurt d’Afrique!
    Der Verein der einsamen Biker hat beschlossen, dir diesen Beinamen auf immer und ewig zu verleihen. Das müsste als Geburtstagsgeschenk reichen. Lass dich heute feiern und mach’s gut weiterhin.
    Herzlichen Glückwunsch, wie schön dass du geboren bist….
    Claudia und Heinz

  6. Nico Karimi schreibt:

    H A P P Y B I R T H D A Y
    to a white man in a big black country…

    Lieber Kurt,
    wir gratulieren dir ganz herzlich zum Geburtstag in der Hoffnung,
    dass es dir möglich ist, deine TdA-Freunde auf ein Glas Champagner
    oder wenigstens ein Bier, einzuladen.
    Wir werden morgen an dich denken und wie immer, kräftig auf dich anstoßen!

    Mach es gut und bis bald:

    Anja, Daryoush, Timo, Nico, Heidi und Detlef

  7. sabine vieres schreibt:

    Hallo lieber Weltenbummler,
    ich bin in Bochum bei Sabine als „Stellvertreterin“ für Jean. Ich freue mich über deine tollen Berichte, die mir Sabine vorgelesen hat und darüber, dass du deinen afrikanischen Traum verwirklichen kannst! Morgen ist dein Geburtstag, das ist ein besonderer Grund zur Freude. Lass dich umarmen und dir herzlich gratulieren. Ich denke immer nur: „Junge komm bald wieder……“ und dann wird ganz groß gefeiert! Aber morgen machen wir schon ein wenig Generalprobe und stoßen auf dich an und ich werde den ganzen Tag an dich denken!!!
    Tschüss, deine Mutti

  8. Birgit und Friedhelm schreibt:

    Lieber Kurt, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles Gute. Mit großem Interesse und voller Bewunderung verfolgen wir deine Tour durch den afrikanischen Kontinent. Deine Reports sind immer wieder ein Grund auf deinen Blog zu schauen. Wir wären auch gerne dabei, allerdings nur im klimatisierten Reisebus (Kommentar Birgit). Vielleicht kannst du ja noch den ein oder anderen afrikanischen Tanzschritt erhaschen und uns demnächst damit beglücken. Pass auf dich auf! Wir wünschen dir auf deinem weiteren Weg durch Afrika viel Erfolg, Kraft, Gesundheit und verteidige weiterhin deine EFI. Liebe Grüße Birgit und Friedhelm

  9. Jacky LE ROY schreibt:

    Hello notre Idole !
    Oui, ton récit est passionnant ;
    c’est quelques fois drôle et d’autres fois angoissant
    mais puisque tu l’écris c’est finalement du passé.
    Nous aussi, nous suivons tes aventures au rythme de tes messages
    Et je suis de corvée de traduction pour toute la famille.
    Nous avons trop chaud quand tu roule sous 40°,
    Nous avons mal aux mollets à la pause du midi,
    Nous sommes assoiffés à l’étape d’arrivée,
    Nous voulons marchander le prix de l’eau pour se laver les dents,
    Nous donnons une gifle aux garnements qui jettent des pierres,
    Nous parlons anglais, allemand, canadien, suisse, belge,
    Nous ne dormons pas assez,
    Nous sommes épuisés,
    Nous serrons les dents pour ne pas aller dans la voiture balai,
    Nous voulons rester vierge,
    Enfin voilà, nous jouons au maillot jaune du Tour d’Afrique :
    KURT le Magnifique.
    A qui nous souhaitons au fin fond de l’Afrique
    BON ANNIVERSAIRE
    AVEC DES MILLIONS DE BISOUS

  10. Heinz Zalkau schreibt:

    Lieber Kurort! Afrika ist ja wohl auch nicht schlimmer als die Resser Mark, wenn man da von einer Straße in die andere wechseln wollte, musste man auch immer gut aufpasen, ob nicht irgendeine Patrouille aus dem Kellerloch gesprungen kam. Übrigens, der mit den Steinen nach Euch geschmissen hat, das war der Harald. Viele Grüße aus dem Winterquartier östlich von der Volksschule Skt. Ida

  11. sabine vieres schreibt:

    Lieber Kurt,
    deine Reisebeschreibungen sind wirklich interessant und amüsant…..man kann sich viele Situationen, Leute, Eindrücke usw. richtig gut vorstellen. Jetzt weiß ich auch, warum du früher den Aufsatz-Wettbewerb gewonnen hast!!! Ich finde es jedes Mal spannend zu schauen, ob neue Nachrichten von dir da sind. Du scheinst wieder bei stabiler Gesundheit zu sein, so kannst du deinem neuen Lebensjahr zuversichtlich entgegen radeln…..Hier läuft alles soweit normal, ich gucke gleich Champions League Dortmund gegen Donezk!!
    Sei lieb gedrückt
    Sabine

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