19.02.2013

19.02.2013 Addis Abeba

Schwindende Kräfte
Die gute Nachricht: Ich lebe noch und fahre morgen an meinem Geburtstag in Addis Abeba mit dem Fahrrad ein.
Die Schlechte: Die bisherigen 3600 km haben mich ungeheuer an Substanz gekostet. Die Strecke muss ungefähr so weit sein wie von Hamburg nach Sizilien. Lange Zeit habe ich die Belastung ziemlich locker weggesteckt, auch die sudanesischen Rüttelpisten haben mir nicht so viel ausgemacht. Die letzten 5 Etappen im äthiopischen Hochland haben mir jedoch jäh meine Grenzen aufgezeigt. Nach den Regeln der Trainingslehre sollte ich mit jedem Tag stärker werden, aber der Schuss ging nach hinten los. Außerdem haben sich seit gestern Sitzprobleme eingestellt, die ich überwunden glaubte und die ich schnellst möglich in den Griff kriegen muss.

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Schönes Äthiopien
Je höher man kommt, desto grandioser ist die Landschaft. Dieses Phänomen habe ich schon bei den Touren durch die Alpen kennengelernt. Die Anstrengungen werden belohnt durch die Natur und die Menschen, denen man begegnet. Es war nur etwas viel auf einmal.

Am Donnerstag fahren wir 162km von Bahir Dar in ein Buschcamp, Höhenunterschied 1629m.

Am Freitag sind es 117km mit 1805HM in ein Forest-Camp.

Am Samstag dann der Höhepunkt mit der Durchquerung der Gorge. Hier hat der Blaue Nil eine gewaltige Schlucht in die Landschaft geschnitten. Sie ist genauso gewaltig wie der Grand Canyon, nur noch breiter. Wir fahren 50 km rolling hills- ein ständiges auf und ab. Dann, nach dem Lunch, geht es 19 km nur bergab bis die Bremsen glühen. Über den Blauen Nil und dann 20 km nur bergauf. Von 1099 m auf 2561 m, was einer Steigung von 7% entspricht. Die meisten von uns fahren diese Strecke als trial und lassen sich die Zeit dafür stoppen. Gleich am Anfang läuft eine Affenfamilie seelenruhig über die Straße. Gut, dass ich es nicht so eilig habe. Ich fahre mit Alexandro, dem Brasilianer, und wir machen ein paar Fotos. Ich merke, dass ich nicht gut zurecht bin und mache öfter Pausen. Geht die Steigung über 10% steige ich ab und schiebe. Wie demütigend! Das hatte ich bisher noch nie nötig gehabt. Die kleinen Äthiopier gehen neben dem Fahrrad her und nerven mit der Zeit. Irgendwann bin ich oben und mache drei Kreuze.

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Der heutige Sonntag ist vergleichsweise kurz mit 89 km und 1081 HM. Wir überqueren aber den höchsten Punkt der gesamten TdA mit 3104 m. Ein Passschild oder was Ähnliches ist nicht aufgestellt. Diese Höhen kommen hier öfter vor.

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Meine Geburtstagsfahrt
Auch an meinem Geburtstag wird mir nichts geschenkt- radfahrtechnisch meine ich. Etwas verspätet wache ich auf: 4°Celsius. Die Radler reiben sich diverse Körperteile. Die Dünnen leiden besonders. Der heiße Kaffee ist schnell alle. Beim Frühstück spricht sich herum, dass ich Geburtstag habe. Jetzt oder später, als die anderen an mir vorbei radeln, wünschen sie: ‚Happy Birthday, Köörrt!‘ Es sind wieder über 100 km, rolling hills mit 1300 HM. Hubert und ich machen erst mal Kaffeepause. Das ist eine echte Zeremonie. Zunächst werden die Bohnen über Holzkohlefeuer geröstet, dann gemahlen. In das Wasser kommen noch mehrere Pülverchen. Wir werden gefragt, wie viele Löffel Zucker wir mögen und mit einem Minze-blättchen wird das Gesamtkunstwerk serviert, wobei der Kaffeezauberin ihre wohlgeformten Möpse beinahe aus dem Kleid fallen. ‚Das ist doch mal ein tolles Geburtstagsgeschenk, odrr‘, sage ich zu Hubert, der mir zustimmt. Ich bin halt unter Fachleuten. Hubert lädt mich zum Abendessen ein und als wir den Kaffee bezahlen wollen, ist das von einem Stammgast schon übernommen worden.

Das Radeln fällt mir heute wieder leichter (nicht deswegen) und ich lege bergauf schon mal den 3.Gang ein. Dafür beschwert sich mein Hintern aufs bitterste.

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15 km vor Addis Abeba versammeln wir uns zum Konvoi (siehe Panoramabild), ohne TV, aber mit einigen local ridern, darunter auch Frauen.

Unser Ziel und unsere Herberge ist der Golfclub von Addis Abeba. Mein Zelt setze ich auf einen gepflegten Rasen, wenn auch nicht gerade auf ein ‚green‘.

photo_19_02_01Ich mache mich geburtstagsfein. In der Lobby lese ich, in einen dicken Ledersessel gefläzt, alle Geburtstagsgrüße, die als E-mails oder Kommentare eingegangen sind. Als ich eure vielen Wünsche und Grüße lese, kommen mir plötzlich die Tränen. Die ganze Situation ist für mich ‚overwhelming‘, wie die Anglos sagen. Ich bin nicht allein, aber so weit weg von meinen Lieben. Schluchz. Vielen Dank für die zahlreichen Grüße.

Dann kommt Hubert und wir setzen uns an einen Tisch, wo Caroline, Gus, Big Mike und Italo schon auf uns warten. Wir essen gut und ziehen uns ein paar Gläschen Rotwein rein. Natürlich unterhalten wir uns über die Hammeretappen und darüber, wie ausgelaugt ein jeder ist. Dabei ist es nicht eine Einzeletappe, sondern die Summe aus Streckenlänge, Höhenmetern, Höhenlage und den hygienischen Bedingungen, die uns zu schaffen machen.

Ich resümiere: trotz allem ein schöner Geburtstag.

Wundenlecken
Heute Morgen reihe ich mich in die Reihe der wartenden Patienten ein. Von 9-12 Uhr ist ‚Clinic‘ auf dem Programm. Luke hält Sprechstunde im Lunchtruck. Ich zeige ihm meinen malträtierten Po und ich glaube, dass er ernst dreinschaut. Außerdem verbindet er noch eine Wunde an der unteren Wade, die nicht zuheilen will. Gegen beides verschreibt er mir Antibiotika und Zinksalbe für den Po. Beides habe ich selber dabei.

Danach putze ich mein Fahrrad und öle die Kette. Danach Wäschewaschen. Die meisten geben ihre Wäsche ab. Ich jedoch, als rüstiger Hausmann, nehme das lieber selbst in die Hand. Hubert sucht die Schweizer Botschaft auf und wird zum Essen eingeladen. Seine Einladung zum Stadtbummel schlage ich aus. Es ist zu heiß und außerdem habe ich ja einen Blog zu pflegen, odrr?

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6 Antworten zu 19.02.2013

  1. Kuddi schreibt:

    Hallo Kurt !
    Erst heute finde ich Deine Einträge…In den letzten Wochen hatte ich immer mal wieder mein Glück versucht, Einträge von Dir zu finden, mich aber wohl zu blöd angestellt.
    Nachträglich alles Gute zum Geburtstag !
    Ich wünsche Dir weiterhin starke Nerven und ganz viel Gesundheit.
    Deine Fahrt werde ich weiterverfolgen !
    Viele Grüße von Kuddi

  2. Marc Blessing schreibt:

    Hallo Herr Schwietzke oder besser und kürzer gesagt Hallo Kurt.
    Erst von mir auch nochmal Alles Gute nachträglich zum Geburtstag.

    Mit großem Interesse verfolge ich hier saemtliche neuen Einträge die von Ihnen gemacht werden.
    Ist echt spannend was sie auf Ihrer Tour durch Afrika alles sehen und erleben.

    Machen Sie weiter so.

    Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen das Sie auch die kommenden Etappen ins Ziel schaffen.

    Ich werde weiterhin hier alles verfolgen.

    Viele Grüße vom damals jüngsten Teilnehmer des Theaterstückes „Lysystrata“.

  3. Birgit Dewenter schreibt:

    Lieber Kurt, in Gedanken sehr oft bei dir senden wir dir aus der kalten Heimat, ein wenig verspätet, ganz viele und herzliche Geburtstagswünsche. Vor allem wünschen wir dir jetzt, dass dein Po bald wieder in Ordnung kommt – immer schön fett Zinksalbe drauf!!
    Deine Reiseberichte sind sehr sehr spannend und die Fotos zeigen uns, wie schön Afrika sein muss. Beim Lesen bekommen wir so richtig Lust auf Abenteuerurlaub, es bleibt aber wohl beim Radeln in Deutschland (auch schön)! Herzliche Grüße und weiterhin gute Fahrt senden/wünschen dir Franz und Birgit

  4. Lina J. schreibt:

    Kurti!

    Die gesamte Jakobs-Familie denkt ständig an Dich, auch an Deinem Geburtstag!
    Papa, Lukas und ich haben in Köln auf Dich angestoßen.
    Wir senden Dir weiterhin ganz viel Kraft, Ausdauer und Zuversicht!

    Knutscha
    Lina

  5. Dennis K. schreibt:

    Yepp, bis Arba Minch ist es landschaftlich beeindruckend und nicht mehr ganz so anstrengend. Also zum „Erholen“ nutzen. Sammle Kräfte, die Woche ab Arba Minch wird dann wirklich nochmals hart !! Toi, toi, toi !

  6. Jan schreibt:

    Hi Papa!!
    Super Fotos!
    Jetzt heisst es Zähne zusammenbeissen und weiterstrampeln…wengleich der Name der nächsten Etappe „Meltdown Madness“ nicht grade leichtere Etappen erahnen lässt.
    Hier in Spanien hast du auch schon eine erlesen Folgschaft, wenngleich die, solange du dich nicht mal einen spanischen Text einstellt, nur Fotos schaun und mich dann nach Übersetzungen fragen…
    Beste Grüße!
    Jan

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