26.02.2013

Es reicht
Jeder hat seine eigene Strategie mit den kleinen kecken Knaben am Straßenrand fertig zu werden. ( Mädchen werfen keine Steine). Aber am 17.02. sitzen wir abends zusammen und sind ziemlich am Ende mit unserem Latein. An diesem Tag gibt es eine Häufung von Vorfällen, die das Fass überlaufen lassen.
Als unrühmlicher Höhepunkt wird Iren von einem Stein getroffen, der unterhalb der Lippe durchschlägt und ihr auch noch einen Zahn raushaut. Ihre Freundin Sylvia näht die Wunde im Camp mit vier Stichen. Der Zahn kann erst zuhause behandelt werden. Beide Frauen sind Ärztinnen und kennen sich aus. Für Iren ist es jedoch schon der 2. Unfall. Ihr violettes Auge nach ihrem Sturz in Ägypten ist immer noch nicht abgeklungen. Beide Frauen sind in Addis geblieben und müssen das Ereignis erst mal verarbeiten. Sie wollen in Yabello, unserer nächsten Station mit Restday, wieder zu uns stoßen. Iren sagt, dass sie bei einem neuerlichen Zwischenfall die Segel streicht.
Caroline wird von einem großen Stock am Kopf getroffen, der gottseidank durch den Fahrradhelm geschützt ist. Hubert macht zwei Feinde am Straßenrand aus, die mit Steinschleudern auf ihn zielen. Hubert macht kehrt und verfolgt sie. Die Feiglinge retten sich hinter eine Tür, die Hubert in Einzelkämpfermanier anspringt. Leider vergisst er bei dieser Heldentat Tellschen Ausmaßes, dass er eine gebrochene Rippe hat, odrr?
Dem nächsten verblüfften Viehhirten nimmt er einen Stock weg und überführt ihn in sein Waffenarsenal. Und befestigt ihn anstelle der Luftpumpe am Rahmen. Stehen wieder Knaben in konspirativer Manier am Straßenrand, schwingt er die Keule mit Kriegsgeschrei über seinem Kopf und sorgt so für Sicherheit wie es die Schweizer Garde im Vatikan macht.

„Pubertierende Arschlöcher“
…so nennt Marianne diese spezielle Altersklasse. Und wie jeder weiß, wird sie immer mit denen fertig – im Guten. Auch ich versuche meine geballte pädagogische Erfahrung in dieser äthiopischen Altersklasse anzuwenden. Schon von weitem grüße ich mit gehobenem Arm und rufe ihnen etwas zu. Wenn ich aber sehe, dass so ein Kröt etwas in der Hand hält, schreie ich ihn an oder bleibe sogar stehen und mache einen Älteren an. Hat er einen Stein, rennt er immer davon, denn sie haben eine Heidenangst. Hat er mal nichts ausgefressen, bleibt er verblüfft stehen.

Verbesserung: ‚Where are you go?‘ rufen alle und nicht ‘where you go?‘
Nach beinahe dreiwöchiger Dauerbeschallung kann ich’s nicht mehr hören. Meine Geduld ist am Ende. Ich drehe den Spieß um und rufe: ‚Where are you go? You should go to school. Where are your books?‘ Verblüfft halten sie inne und machen weiter mit ‚money, money!‘ Auch hier rufe ich: ‚Money, money, birrh, birrh!‘, halte die Hand auf und setze eine Leidensmiene auf. Meist lachen sie, weil sie den Schmuh durchschauen.
Auf jeden Fall gibt’s bei Steinen null Toleranz. Susanne hat sich derart einschüchtern lassen, dass sie die meiste Zeit mit dem Truck fährt.

Aussteiger und Einsteiger
Tobias Munch
ist von Addis wieder nach Hause geflogen. Sein Urlaub ist zu Ende. Wir beide haben uns auf dem Flughafen in Kairo kennengelernt. Als uns unsere Fahrräder übergeben werden, steht da ein weißer, leichtgewichtiger Rennbolide neben einem etwas plumpen, doppelt so schweren Tourenrad. Oha, denke ich, hier wird aber nicht mit gleichen Waffen gekämpft. Nun ja, Tobias ist Rennfahrer und nimmt an Radrennen wie ‚Rund um den Hennigerturm‘ teil. Er ist ein sehr netter Kerl.
Den eisenharten Michael aus England hat es für einige Tage ins Krankenhaus verschlagen. Sein Infekt im Bein wurde mit einem Tropf behandelt. Er hat sich beschwert, dass keiner ihn verstand. Na, sowas! Jedenfalls kann er jetzt wieder radeln.
Klaus aus Dänemark ist neu dazugekommen. Er hat die Tour schon im letzten Jahr begonnen, ist dann in Nordkenia auf dem ’schweinskopfgroßen‘ Kopfsteinpflaster (Zitat Hardy) vom Rad gefallen und hat sich den Oberschenkel gebrochen. Ein Jahr später ist er geheilt, hat eine neue Hüfte und immer noch Bock, das Rennen zu Ende zu fahren.

Wiederauferstehung
Im Kirchenkalender ist die Wiederauferstehung erst demnächst vorgesehen. Für mich hat sie schon stattgefunden. Nach dem körperlichen Tief an meinem Geburtstag hatte ich vor allem Sorge wegen der Saddle Sores. Aber die Antibiotika, die Zinkcreme, eine doppelte Fahrradhose und ein Painkiller (Ibuprophen) haben mich soweit genesen lassen, dass ich alle Etappen fahren konnte. Hätte ich jedoch wie bei der Tour de France eine Dopingprobe machen müssen, so wäre diese wohl positiv ausgefallen. Gemein sowas, denn ich will ja nicht meine Leistung steigern, sondern nur über die Runden kommen. Inzwischen ist auch die Power zurück, um die Offroadstrecken der letzten Tage zu überstehen.

20.-25.02.2013 Der Weg nach Yabello
Der Weg hinaus aus Addis Abeba führt uns an einer Müllhalde gigantischen Ausmaßes und gigantischen Gestanks vorbei. Menschen ziehen darüber und sehen, was sie gebrauchen können.
Diese Etappe endet auf dem Gelände einer Schule für Taubstumme, die von einem deutschen Orden geführt wird. Wie immer werden wir interessiert beobachtet. Interessant ist ein Gespräch am Abend mit dem ehemaligen Leiter der Schule, der gut Englisch spricht und auf alle unsere aufgestauten Fragen eine Antwort weiß, z.B. über die Rolle der Frau in Äthiopien; dafür, dass die Jungen so aggressiv sind, macht er deren herausgehobene Stellung in der Familie verantwortlich. Wir würden es auch Machoverhalten nennen.

22.02.
Führt uns über 125 km in ein Busch-Camp

23.02.
104 km nach Arba Minch in eine Art Safari Hotel, von wo wir auf eine Seenplatte hinunterblicken und das abends bei einem kühlen Bier ausgiebig tun.

24.02.
96 km ins Riverbed-Camp. Heute und morgen: offroad

Man stelle sich eine Baustraße vor, die seit 10 Jahren darauf wartet, geteert zu werden. Alle Weichteile sind natürlich weggeweht oder -gewaschen, sodass nur noch spitze, große Steine herausstehen. Immerhin keinen Platten!

Heute ist Sonntag und damit Wasch- und Badetag, wie ich feststellen kann. An jedem Flusslauf, Wasserloch oder See ist Betrieb. Der Besitzer eines Tuk-Tuk (Minitaxi auf Mopedbasis) fährt mit seinem Gefährt einfach in eine seichte Stelle und säubert seinen ganzen Stolz mit viel Hingabe. Aber auch die Körperpflege steht auf dem Programm. Einige Jünglinge haben großen Spaß daran, ihr unverwechselbares Körperteil manipuliert in die Höhe zu strecken. Vielleicht handelt es sich um einen Wettbewerb um die Allerschönste von Abessinien. An einem anderen Badesee winkt mir eine barbusig Badende freundlich zu. Ich merke, heute ist großes Schaulaufen.

25.02.
98 km mit 1411 HM nach Yabello, übelste Piste bei heftigem Gegenwind. Diese Etappe verlangt noch mal alles von mir. Statt der erhofften 8 bin ich 10 Stunden unterwegs. Aber der Popo macht keine Probleme mehr. Kurz vor einem Dorf treffe ich Claire. Sie ist soeben gestürzt. Viel schlimmer als die blutende Wunde ist ihr in 1000 Stücke geborstenes I-Phone. Im Dorf machen wir einen Coke-Stopp, der allerdings keine Erholung ist, denn sofort sind wir (oder besser gesagt das blonde Gift) von 50 Jugendlichen umringt, die sich auch an unseren Fahrrädern zu schaffen machen. Schnell brechen wir wieder auf.

Entlohnt werden die Strapazen durch die tolle Landschaft, durch die wir fahren. Es ist eine üppige Vegetation, mit rotem Sand, aus dem sich überall unterschiedlich geformte Termitenhügel erheben.

26.02.
Ruhetag in Yabello, einem Vogelparadies. Es sei allerdings keine Saison, höre ich. Ich habe sowieso damit zu tun, zu regenerieren und zu versuchen, diesen Text in der Wifi-freien Zone doch noch rauszukriegen.

P.S.
Dem lieben Werner und der lieben Marianne wünsche ich alles Gute zum Geburtstag.

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7 Antworten zu 26.02.2013

  1. Jacky LE ROY schreibt:

    Lieber Combattant de l’héroïque croisade à Vélo du siècle,

    Nous lisons avec effroi ta quête du Graal de la communication.

    Au début nous sommes effrayés de l’accueil plutôt rude des gamins,
    Sans doute, d’abord laissés dans le désœuvrement puis sans instruction solide.
    Cette oisiveté n’explique pas toute cette rancœur, je pense que la vision de l’étranger
    dans le monde que l’on veut bien leur inculquer doit être la raison profonde de cette forme d’agression. Nous avons même eu un grand débat hier soir entre nous avec Faty et Attia et une bande de ses copains qui étaient à la maison. Le débat a été houleux.
    Faty prônant l’hospitalité légendaire des peuples pauvres.
    Mais c’est facile de réfléchir à distance quand on n’est pas sur la piste avec ces olibrius sur le bord.

    Ensuite, j’imagine en bande dessinée les aventures de votre brigade d’intervention.
    Avec vos casques de couleur, représentant les blasons modernes de la chevalerie cyclistes :
    Tous debout sur les pédales, Hubert le bâton bien haut en faisant des moulinets, Kurt et les autres poussant le cri de guerre (plus terrible encore que HAKA néozélandais).
    Et je raconte autour de moi, ces nouvelles aventures – le public est ravi !
    J’ai beaucoup de versions ; il y a la vie dans le camion balai qui se peuple de plus en plus.
    Avec les anglais qui parient sur tout et n’importe quoi : une scène dans le camion, les derniers paris se jouent sur : qui reçois une pierre aujourd’hui ou encore qui viendra dans le camion demain ?

    Comme tu peux voir nous vivons à notre manière ta grande croisade.
    Je suis un peu inquiet de ne pas avoir de récit de toi depuis 5 jours.
    Courage Chevalier et bravo !
    Nous t’embrassons tous même si tu es plein de sueur.

  2. Marianne schreibt:

    Lieber Kurt,
    ich lerne Computer. Ich wünsche dir alles Gute.
    Marianne

  3. Sabine Vieres schreibt:

    Hallo lieber Kurt,
    soeben habe ich Mutti alles am Telefon vorgelesen, wir sind mächtig beeindruckt von deinen Erzählungen und können uns kaum vorstellen, dass die Kinder dermaßen aufdringlich und aggessiv sind!!! Mutti war letzte Woche bei mir und hat mein Strohwitwendasein unterstützt. Alle sind weg….Stefan in Holland, Jean in Bayern und du in Afrika!
    Ein Glück, dass sich dein Allerwertester beruhigt hat und du wieder bei Kräften bist! Pass gut auf dich auf, wir denken an dich
    Herzliche Grüße
    Sabine und Mutti

  4. Dennis K. schreibt:

    Lieber Kurt,

    auch ich lese weiterhin gerne und begeistert mit. Hat Tränen in den Augen bei Deiner Beschreibung der Kiddies. Man kann es Aussenstehenden niemals vermitteln. Es ist schlicht unverständlich. Abermals Hut ab vor Deinem Durchhaltevermögen.

    Lieber Luddi,

    doch es wird für Kurt noch schlimmer kommen, in 3 Tagen bekommt er nochmals die volle Härte der Tour d’Afrique zu spüren. Aber nochmals, für einen Hobbyfahrer im Pensionsalter macht er seine Sache WIRKLICH gut. V.a. auch den Unterhalt dieses Blogs, denn auch dieser bedeutet Strapazen !

    • Luddi schreibt:

      Lieber Dennis, lieber Kurt,
      die Berichte und Fotos lassen uns in der Phantasie erschauern. Dabei erleben wir das alles nur in sicherem Abstand auf unserer gemütlichen Wohnzimmercouch. Ich hätte meine großen Darmprobleme wahrscheinlich nicht durch einen vagabundierenden Virus, sondern eher vor lauter Bammel „Schiss inne Buchse“. Gut, dass genug Leidensgenossen auf dieser Tour zusammen sind. In der Gruppe lässt sich doch Vieles besser bewältigen.
      Aber nach dem äthiopischen Auf und Ab und nervigen Kids ist diese Feuerprobe überstanden. Auf Kenia gibt’s jetzt hoffentlich bessere Aussichten und neuen Mut für das TdA-Abenteuer.
      „Mut ist, wenn man Angst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt.“ von John Wayne. – Der muss es ja wissen. 😉
      Ludger

  5. chumminen schreibt:

    Ein bemerkenswerter Blog, den ich grösstem Interesse gelesen habe.
    Ich freue mich dich in Nairobi kennen zu lernen.
    Herzliche Grüsse
    Roger Hermann, Schweiz

  6. Luddi schreibt:

    Kurt, Kurt, Kurt!!!
    Wir haben’s gerade gelesen!
    Das stockt einem der Atem!
    Wie haltet ihr das nur aus??? Vor allem mental?
    Hoffentlich wirds in Kenia besser!
    Wir drücken dir alles, was möglich, vor allem die Daumen, damit du da heil rauskommst.
    Liebe Grüße.
    Ludger und Sylvia

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