05.05.2013 Teil II Diamond Coast

Dienstag, 30.04. von Sesriem nach Betta 139 km 819HM

Ich bin noch unter dem Einfluss des verführerischen Lebens in der Edellodge, wo ich am abendlichen Buffet teilnehme und Köstlichkeiten esse, die ich lange nicht mehr oder noch nie gegessen habe wie: Zebra, Springbock, Strauß, Kudu, Impala, Warzenschwein usw. .

Am Morgen kommt Roger vorgefahren und teilt mir mit, dass er immer noch unpässlich sei und ich mache mich etwas spät auf den Weg. Es soll der bislang härteste Tag für mich werden.

IMG_9481_800x600Waschbrettpiste, Löcher mit Sand und Kies gefüllt, kenne ich schon. Dazu kommt ein kräftiger Headwind, der mir den Schweiß auf die Stirn treibt, bevor die Sonne richtig heraus ist. Am Vormittag komme ich sonst immer mit zwei Wasserflaschen aus. Heute nicht. Alle vier Versorgungswagen sind schon vorbei und ich weiß nicht, wie ich Nachschub bekommen kann. In meiner Not stoppe ich nacheinander zwei Jeeps, die sich selten genug auf dieser Rüttelpiste zeigen und sage:‘ Sorry, I ran out of water.‘ Vom ersten bekomme ich nur ein winziges Fläschen, der zweite hat einen ganzen Wasserbottich parat und ihr fülle alle Flaschen damit auf. Trotzdem komme ich am Lunchstop bei km 72 mit dem letzten Wassertropfen an. In Panik breche ich um13:00 Uhr wieder auf, da ich mir ausrechne, dass ich mit gleichbleibend 12 km/h nicht vor 18:00 Uhr und einbrechender Dunkelheit ankomme. Dieses Gefühl, nicht rechtzeitig anzukommen, befällt mich zum ersten Mal. Ich hatte es so auch nicht bei meinem Parforceritt über 207 km. Es wird sehr hügelig, doch der Weg ist fester und ich steigere den Schnitt auf 15 km/h. Völlig alle erreiche ich den Ort Betta, der nur aus der ‚Caltex Gas Station‘ und einem Kiosk besteht. Es ist 17:30 Uhr und im Camp wird gerade das Rider-Meeting (gesprochen:’raida mietin‘) abgehalten. Sandra und Roger eilen zu Hilfe und schleppen meine schwere Tatonka-Tasche, da ich nicht so aussehe, als dass ich sie alleine tragen könnte. Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen, schütte zwei Flaschen Bier in mich rein, esse wenig und baue mein Zelt erstmals in der Dunkelheit auf. Sofort lege ich mich schlafen.

Mittwoch, 01.05. von Betta nach Konkieplapa 153 km 829HM

Der heutige Tag ist um 14 km länger -alles Offroad- und bei gleicher Geschwindigkeit bin ich zu spät im Camp.

IMG_9508_1400x1050Also wähle ich die Frühstartervariante und mache mich wieder in aller Stille und ohne Frühstück auf den Weg. Dies nehme ich in Form von einem Brownie, Schokoplätzchen, Mäusespeck und zwei Bananen zu mir. Alles habe ich mir schon im Kiosk am Vorabend organisiert. Ich strampele sehr konzentriert. Der Gedanke, der erste zu sein, beflügelt mich. Vor mir spielen junge Kojoten auf der Straße. Als sie mich erblicken, verstecken sie sich kurz und verfolgen mich dann. Warten sie auf leichte Beute? Dafür fühle ich mich noch viel zu stark. Bei km 30 überholt mich der Tour erste Pascal und wundert sich, dass ihm jemand seinen Premium-Platz streitig macht. Es geht ruppig aber zügig weiter.

IMG_9484_640x480Bei km 103,5 komme ich nach Helmeringhausen. Bin ich jetzt im Sauerland? Nein, aber in einer im 19. Jahrhundert von Sauerländern gegründeten Dependance. Das Hotel Helmeringhausen verspricht die leckerste Apple-Pie von Namibia. Ich bin jedoch nicht cool genug für diese Verführung und genehmige mir nur eine Cola und ein Magnum-Eis im Kiosk gegenüber.

IMG_9483_800x600Gestärkt geht es auf ‚good Pavement‘ weiter. Mit Tempo 30 – 40 km/h fliege ich schon um 15:00 Uhr in Konkieplapa ins Camp. Roger ist mit dem Dinnertruck gefahren und holt mir sofort ein Bier. Schon um 18:00 Uhr liege ich in der Falle.

Donnerstag, 02.05. von Konkieplapa nach Seeheim 126 km 457HM

Unser hartes Offroad-Schicksal wird für einen Tag durch meist Teerstraße aufgehellt und schon um 13:00 Uhr schweben Roger, der heute wieder in die Tour eingestiegen ist, und ich in Seeheim ein.

IMG_9490_640x480Hier campieren und logieren wir in und um ein schloss ähnliches Gebäude, das von Holländern geführt wird. Dies ist der Ausgangspunkt zum ‚Fish-River-Canyon‘ , den wir morgen mit dem Velo entlang radeln werden.

Freitag, 03.05. von Seeheim nach Canon Roadhouse 93 km 457HM

Am Vorabend sitzen wir noch lange zusammen und feixen über die Kürze der kommenden Etappe. Ich sollte endlich lernen, demütiger zu werden.

Nach einem anfänglichen steilen Anstieg wird die Straße eben, schnurgerade und mit festem Untergrund. Es geht voran. Pünktlich um 8:00 Uhr stellt der Windgott die Düse an und bläst mir frontal ins Gesicht mit einer Stärke, die ich nur von der Nordseeküste kenne. Wütend stemme ich mich dem Frontalangriff entgegen, doch meine Kraft ist schon lange endlich. Die Geschwindigkeit wird einstellig. Roger steigt beim Lunch bei km 65 aus, doch ich muss weiterkämpfen. Es ist das erste Mal, dass mir an der Sinnhaftigkeit meines Tuns Zweifel kommen. Warum tue ich mir das eigentlich an? Doch die verbleibenden knappen 30 km sind ‚endlich‘ und meine Sinnkrise geht wieder vorbei. Nicht aber die Zweifel, die morgige Etappe ohne den Verlust meiner EFI- Unschuld zu überstehen.

Samstag, 04.05. von Canon Roadhouse nach Felix Unite 172 km 755HM

132 km Offroad und 40 km geteert – die längste Offroad-Etappe der Tour steht an. Diese Länge ist bei den Windbedingungen von gestern nicht zu schaffen. Um 4:00 Uhr wache ich auf. Windstille. Ich ziehe mich an und warte in meinem Zelt liegend auf den Morgen. Als ich das Zippen der Reißverschlüsse höre, stehe ich auf, erledige routiniert den Rest und verschwinde im Schutz der weichenden Dunkelheit. Ich stecke voller Adrenalin und gehe schon jetzt an mein Limit. Pünktlich um 8:00 Uhr setzt der Wind ein, doch nicht mehr so kräftig und nicht mehr so frontal wie gestern. Es gibt viele Downhill-Passagen und ich fliege dem Lunchtruck bei km 90 entgegen, den ich schon um 10:30 Uhr erreiche. Mein Herz fliegt mit. Bin ich mir doch jetzt schon fast sicher, auch den heutigen Tag unbeschadet zu überstehen.

IMG_9511_1400x1050Roger steigt erst nach dem Lunch ein und wir fahren die verbleibenden 82 km gemeinsam. Erst jetzt kann ich die Schönheit der namibischen Canyonlandschaft genießen. In der Vorfreude auf mein fast sicheres EfI lade ich Roger zum Abendessen ein.

Fazit: Eigentlich mag ich diese Stressmomente nicht – schon gar nicht in meiner Freizeit. Wenn solch eine Unternehmung aber geschafft ist, ist die Erleichterung groß und die Befriedigung unbeschreiblich.

Sonntag, 05.05. letzter Restday in Felix Unite

Schon gestern bekommt die Freude einen Dämpfer: Die restlichen läppischen 700 km sollten eigentlich auf gutem Asphalt abgespult werden.

IMG_9521_1400x1050Auf der Info-Tafel lese ich jedoch bei Ankunft konsterniert, dass 3 von den verbleibenden 6 Tagen auf unwägbaren Offroad-Wegen stattfinden. Aus Sicherheitserwägungen, da die südafrikanischen Autofahrer angeblich ‚ wie die Henker‘ fahren.

IMG_9520_1400x1050Der letzte Offroad-Tag führt wieder über 150 km. Und damit bleibt die Unsicherheit über meinen Erfolg bis zum Schluss. Das Camp in Felix Unite ist super. Es wimmelt zwar auch hier von Pauschalabenteurern – aber die müssen ja tagsüber Abenteuer bestehen.

IMG_9526_1400x1050Somit habe ich wenigstens jetzt meine Ruhe am Swimmingpool. Mein Blick geht über den Fluss, wo auf anderen Seite Südafrika liegt.

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Eine Antwort zu 05.05.2013 Teil II Diamond Coast

  1. Hubert schreibt:

    Kurt, ich bin dereit in Tennessee in meinem Paradis zur Erholung. Einmal mehr freue ich mich ueber deinen Erfolg und bestaune deine Ausdauer. Ich sage meinen Freunden, dass du mir vorkommst „like a German tank, he just keeps going there is no way to stop him“. Wenn du 40 Jahre juenger waerst wuerde ich sagen, dass eine EFI Taetoierung angebracht waere.
    Keep it up, mit herzlichem Gruss auch an Roger

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